Watzmann – 2003

Die Nacht haben Christian und ich auf dem Parkplatz der Wimbachhütte verbracht. Hendrik, mit dem wir vorher im Zillertal unterwegs waren, musste wieder zur Arbeit. Es  ist 5 Uhr früh. Wir sichten unser Material und los geht`s. Unsere Freunde auf der Hütte, Marion und Andre`,  werden sich sicherlich schon Sorgen um uns gemacht haben. Eigentlich wollten wir ja auch schon Gestern da sein, aber leider wurden  wir ein wenig aufgehalten. Heute sollte unser 1.Klettertag am Watzmann sein. Wir wollen vor um acht auf der Hütte sein, da die Zwei sonst sicherlich etwas allein unternehmen, wenn nicht sogar absteigen, weil wir nicht gekommen sind. Unser Tempo ist dementsprechend zügig. Als wir um eine Biegung kommen, steht plötzlich das Watzmannhaus (1.914 m) vor uns. Allerdings müssen wir uns ganz schön den Hals verrenken. Hoch über den Baumwipfeln thront diese, von hier unten, ziemlich winzig erscheinende Riesenhütte. Noch 1.300 Hm. Wir sind leicht konsterniert. Christian hat jetzt schon Schmerzen in den Knien, und er sagt, ich solle es allein versuchen. Er würde etwas langsamer gehen. Ich stapfe los.

Bemerkenswerter Weise ist unsere Kondition heute wirklich topp, denn schon nach knapp 2 Stunden schlage ich Andre` im Gewusel vor der Hütte auf die Schulter. Christian mit seinen Knieproblemen, ist eine halbe Stunde später da. Bemerkenswert deshalb, weil die Gehzeit mit knapp 4 Stunden angegeben wird. Da hatten sich unsere Eskapaden im Zillertal ja doch ein wenig gelohnt. Mit leuchtenden Augen berichten wir erst einmal von unseren „Heldentaten“. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Mit den Beiden gehen wir lieber nicht klettern, werden sie sich wohl gedacht haben.

Heute wollen wir es etwas ruhig angehen lassen, da die Hinaufrennerei doch ganz schön geschlaucht hatte. Bis zur Mittelspitze (2.713 m)  wollen wir steigen, also etwa den halben Klettersteig auf dem Weg zur Südspitze (2.712 m). Es ist Hochsommer und die Sonne brennt heute dementsprechend. Das Gedränge ist riesig. Männer mit Turnschuhen  und Taschentuch auf dem Kopf (mit einem Knoten an jeder Ecke), um sich vor der Hitze zu schützen (sieht sehr schick aus, besonders bei verschnupften Zeitgenossen), Frauen mit Pumps und Henkeltäschchen (was da wo drin ist) drängen sich mit uns auf dem Weg nach oben. Selten hat man einen ähnlichen Trauerzug auf einem Berg gesehen. Am Hocheck (2651 m), dem 1. von mehreren Gipfeln bei dieser Gratüberschreitung, werden zuerst die Handy`s rausgeholt und den nahen Verwandten von der schönen Aussicht berichtet. Da kann es einem schon vergehen, und man ist kaum in der Lage, die wundervolle Umgebung, mit der ihr entsprechenden Gebühr in sich aufzunehmen. Tja, die Berge sind nun mal für alle da. An der Mittelspitze angekommen, checke ich als erstes den Kletterführer. Die Wiederroute über die Westwand soll es morgen sein, und so schauen wir uns erst mal die Sache von oben an. Schon kommen auf „unserer“ Tour ein Ehepaar mit zwei 10-12-jährigen Kindern die Wand hoch spaziert. Ich frage den Vater gleich höflich nach Schwierigkeiten und ob man immer ein Seil braucht. Die Frage hätte ich mir sparen können, sie haben gar keins dabei. Und Schwierigkeiten gibt es überhaupt keine, es ist doch nur eine 3 (UIAA), sagt er, und stapft ungläubig davon. Aha, jetzt wissen wir also Bescheid. Wieder im Watzmannhaus angekommen, müssen wir fast um ein Nachtlager betteln. unsere DAV-Ausweise betrachtet der Wirt missbilligend. Heute kommt noch ein Spielmannszug (?), die hätten bestellt. Und wo ist dieses Sachsen-Irgendwo überhaupt. Ist das noch in Deutschland? Leider merkt er aber, dass unsere Ausweise scheinbar doch echt sind. Großzügigerweise bekommen wir „drittklassigen Hilfsdeutschen“ zähneknirschend dann doch ein Bett. Der Spielmannszug kommt wo heute doch nicht mehr. Wahrscheinlich hätte er jeden pestkranken Bayern lieber bewirtet, ihn bis aufs Zimmer gebracht und ihm noch kräftig die Hand geschüttelt.

Mit strahlenden Sonnenschein begrüßt uns der nächste Morgen. Der Weg zum Einstieg schlaucht mächtig. Wir müssen durch das ganze obere Watzmannkar. Eigentlicher Ausgangspunkt ist auch die Kührointhütte, aber was soll`s. nach 2 Stunden haben wir es endlich geschafft. Mehrere Seilschaften machen sich zum Einstieg fertig. Ein Einzelner macht sich hastig auf den Weg. Und promt beschmeißt er uns auch nach den ersten 50 Hm mit faustgroßen Steinen. Sie pfeifen an unseren Köpfen vorbei. Die Wand scheint sich regelmäßig ihrer überschüssigen Steine zu entledigen, so wie der gesamte Wandfuß aussieht. 150m türmt sich das Geröll die Wand hinauf bis zum Einstieg. Wir bilden 2 Seilschaften: Christian und Andre`, Ich und Marion. Ich steige als erster ein. Der Fels fühlt sich gut an, jedoch teilweise ziemlich brüchig. Vorsicht ist geboten. Doch es geht stetig aufwärts. Wir brauchen selten Zwischensicherungen. Ich mache mich immer unbeliebter, da ich ständig auf`s Tempo drücke und nur kurze Pausen machen will. Im Hinterkopf hämmert immer wieder unser 1.Biwak im Zillertal. Andre` und Marion interessiert das gar nicht, sie haben genug mit der zunehmenden Höhe zu kämpfen, und wollen sich nicht drängeln lassen. Dann kommt ein etwa 400 m langes schräges Band, für das diese Tour so bekannt ist. Laut meinem Führer kann man das Band mit den Händen in den Hosentaschen gehen. Christian und ich haben uns mittlerweise sehr gut an die Höhe gewöhnt. Ich gehe seilfrei über das Band, doch ich muss zurück, Marion und Andre` gehen nur am Seil, sagen sie. Also oben Stand bauen und nachholen, das ganze Band entlang. Ich schaue immer öfter nervös auf die Uhr. Die Zeit rinnt uns durch die Finger. Auf keinen Fall noch mal das gleiche Spiel wie am Fußstein. Ich dränge immer mehr zur Eile, und beschwere mich ständig, über das aus meiner Sicht übertriebene Sicherheitsbedürfnis meiner Seilpartner. Mein T-Shirt-Logo für heute lautet „Arschloch of the Day“. Ich merke nicht, das es durch mein Gemeckere nur noch schlimmer wird. Statt den beiden mehr Selbstvertrauen einzuhauchen, sie anzufeuern und die Ruhe zu bewahren, werde ich immer gereizter. Die Stimmung ist schlecht. Erst die Hälfte der 900 Klettermeter zurückgelegt und nur noch 2 Stunden hell. Schweigend spulen wir die nächsten Seillängen ab. Es geht jetzt besser. Die Route ist oben raus nicht mehr ganz so ausgesetzt. 17 Uhr! Noch 2 Längen. Wir haben 7 Stunden bis hierher gebraucht! Im Führer steht was von 3 Stunden bis zum Gipfel! Ich bin immer noch genervt. Meine Freunde betrachten hasserfüllt mein „neues T-Shirt“, und denken sich ihren Teil. Andre` steigt die letzten Meter. Alle oben. Schon wieder mit etwas freundlicheren Mienen reichen wir uns die Hand zum Berg Heil! Ein junger Kerl kommt von der Südspitze. Wir kommen ins Gespräch, und wir erzählen stolz von unserer Tour. Er ist aus Thüringen und gerade bei der Bundeswehr irgendwo in Bayern stationiert, und so irgend wie zum klettern gekommen, sagt er. Nebenbei ließ er uns wissen, das er gerade die 2.000m hohe Ostwand der Watzmann-Südspitze free-solo durchstiegen hatte! Offene Münder, Staunen! In der selben Zeit wie wir. In Ehrfurcht erstarrt blickten wir ihm nach. Nach 3 Monaten Klettern Watzmann-Ostwand solo! Naturtalent oder Einweisungspflichtig! Ich mahne wie immer zur Eile. Wieder starren Alle auf mein imaginäres T-Shirt. Es dämmert schon, wir haben keine Stirnlampen dabei, gebe ich zu bedenken. Schneller! Mein T-Shirt scheint Leuchtbuchstaben zu haben.

Wir setzen uns in Bewegung. Es ist stockdunkel, als wir die Hütte erreichen. Wir schultern unseren restlichen Krempel, und machen uns an den Abstieg. Nach der Hälfte der Strecke will keiner mehr weiter. Bei einer leerstehenden Schutzhütte richten Marion und Christian ihr Nachtlager her. Andre` und ich halten die ganze Zeit schon einen imaginären weißblechumhüllten zylinderförmigen, mit lebenswichtigen Inhaltsstoffen versehenden Gegenstand in unseren Händen, der bei näherem Hinsehen sich unserem Blickfeld entzieht und verschwindet, weil er 500 Hm tiefer in Andre`s Auto unter einem Berg von Klamotten kühl gelagert vor sich hin siecht und auf seine erlösende Bestimmung wartet. Die Erlöser blicken sich gerade energisch in die Augen und ballen die Fäuste. Wir Beide müssen da runter und jenen ominösen Gegenstand von seiner Pein befreien. Wir setzen uns in Bewegung. Es wird eine wahre Tortur. Straßenlärm und Licht dringt bis zu uns herauf  aber wir glauben, dem kein Stück näher zu kommen. Nach einer Stunde verlässt uns unsere einzige Stirnlampe. Es will einfach kein Ende nehmen. Ich kann nicht mehr, hecheln wir uns immer öfter zu. Doch der Rausch der Sirenen klingt aus dem Kofferraum bis zu uns herauf. Weiter! Endlich! Auf allen Vieren schleppen wir uns über den Parkplatz. Fix und fertig streifen wir die Rucksäcke ab. Der Kofferraum springt auf. Verführerisches Zirpen. Meine Zunge hängt mir aus dem Hals, in den Kofferraum hinein, umschließt fest den goldigen Schatz. Da ist es! BIER!!! Wohltemperiert lassen wir es in unsere vertrockneten Kehlen glucksen. Ein oraler Coitus in Vollendung. Danke Welt, das ich hier sein darf! Am frühen Morgen wecken uns unsere Freunde. Mein 1.Alpenklettererlebnis neigt sich dem Ende. Ein Rucksack voller neuer Erfahrungen konnten wir danach unser eigen nennen. Ich hoffe natürlich, dass es immer so sein wird, nur vielleicht nicht ganz so dramatisch wie im Zillertal und etwas professioneller als am Watzmann.

Tirol – Fliegende Flachländer – 2003

Tirol – Fliegende Flachländer – 2003

Nach fast drei Jahren ist es an der Zeit, über einen äußerst unrühmlichen Ausflug in die Alpen zu berichten. Wohl eher zur Abschreckung als zur Nachahmung empfohlen. In den anderthalb Jahren, die ich nur gelegentlich kletterte, hatte ich es gerade mal auf drei Besuche im Elbi gebracht. Allerdings war ich dank Marion, Poldi und Christian auch schon in etwas weitere Gefilde vorgedrungen. Die Brenta , Gardasee-Berge, Nord- und Südamerika hatte ich bereits zu Gesicht bekommen. Der Erfahrungsschatz reichte meiner Meinung nach völlig aus, es in den Alpen mal so richtig krachen zu lassen.

Im September 99` machten wir uns auf in das Valsertal in den Zillertaler Alpen. Hendrik aus München und Christian sollten meine Partner sein. Fünf Tage später wollten wir Marion und Andre` auf der Watzmann –Hütte treffen. Erste Grundregel: Fülle niemals Tee in eine Kaffee- Kanne, Pfui Teufel! Trotz stundenlangen Reinigens kommt am Ende doch immer wieder ein ekeliges Gesöff heraus. Als wir unser Auto am Parkplatz abstellten, fühlten wir uns topfit für den 5-stündigen Aufstieg. Nochmals ordneten wir unsere Ausrüstung auf das Nötigste und los ging`s. Allerdings hatten wir Kochgeschirr und Essen für 4 Tage mit dabei, zu erschreckend sind doch meistens die Preise auf den Hütten. Lediglich das Bier wollten wir uns gönnen. Unser Ziel war die Geraer Hütte (2324 m). Diese Hütte ist als Ausgangspunkt für Olperer und Fußstein sowie für eine Hüttenwanderung über die Alpeiner Scharte sehr beliebt.

Der Weg zur Hütte nahm kein Ende. Hinter jeder Biegung vermutete ich, die Hütte endlich zu sehen. Ich dachte, bei unserer derzeitigen Konstitution würden wir die vorgegebene Zeit locker unterbieten. Nach fast 6 Stunden Quälerei schleppten wir uns die letzten Meter zur Hütte. Grundregel Nummer 2: Die angegebenen Zeiten sind nicht für Spaziergänger und Sonntagsausflügler! Nach dieser ersten Strapaze gönnten wir uns dann doch ein Bergsteiger- Essen. Denn es war bereits dunkel und zum Kochen hatten wir wahrlich keine Muße mehr. Die Hütte war gut besucht und so schlummerten wir kurze Zeit später, inmitten von furzenden und schnarchenden alten Männern, friedlich in unseren Kojen. Am Morgen machten wir uns an unser 1.Ziel: Der Olperer (3476 m) über die Nordseite. Eigentlich eine Gletscher- Tour, war von dem Selbigen nicht mehr viel übrig. Von den 1.000m Aufstieg (die letzten 200 im Fels) waren lediglich die letzten 400 Hm noch aus Eis und Schnee. Unterwegs auf dem Gletscher überholten wir einen sichtlich ausgelaugten Weggefährten. Wir fragten, ob wir helfen könnten, doch er lehnte dankend ab. Dieser Zwischenfall bestärkte mich natürlich in der Annahme, dass wir topfit und Andere einfach konditionell zu schwach für so ein Vorhaben waren. Schließlich erreichten wir das Ende des Gletschers. Von hier waren noch einmal 200 Hm in leichter Felskletterei (2 UIAA) zu überwinden. Wir machten die Steigeisen ab. Hendrik sagte, den Rest machen wir frei. Er hatte den Weg schon einmal gemacht. Es wären an ein paar Stellen Eisenklammern vorhanden und das Ganze überhaupt kein Problem. Christian und mir wurde schon ein bisschen mulmig, doch wir wollten ja richtige Bergsteiger sein. Es ging dann doch leichter als es aussah. Nur über das Absteigen taten sich bei mir schon Abgründe auf. Am Gipfel angekommen, hüllte sich dieser in Wolken. Hier saßen bereits ein paar Tschechen, die sich eine Abseilstelle bastelten. Wir wollten natürlich vor den Tschechen runter, da sie durch das Abseilen viel länger brauchen würden. Nach 10 Minuten Rast ging es wieder Abwärts.  Ich hatte plötzlich ein leichtes Magendrücken. Cool lächelte ich den Tschechen zu und mit zittrigen Knien dem Abstieg entgegen. Wenn die Angst am größten ist, übt der Fels ja eine enorme Anziehungskraft aus. Und so schubbelte ich mich den Berg wieder runter. Als wir die Steigeisen wieder angelegt hatten, machten wir uns an den Abstieg. Plötzlich setzte sich Christian in Bewegung und rutschte 2 Meter, drehte sich, haute seinen Pickel in das Eis und stoppte abrupt. Wir brachen in schallendes Gelächter aus, ob seiner pefekten Haltungsnoten und vor allem als wir erfuhren, warum er stürzte. Er hatte bei den Eisen vorne und hinten vertauscht. Das passiert selbst so einem Haudegen wie Christian. Auch das bestärkte mich wieder ein wenig in meiner Selbstsicherheit.

Der nächste Tag brachte schlechtes Wetter. So begnügten wir uns mit dem Klettergarten auf der Südseite des Fußsteins. Die Routen waren mit Bohrhaken top abgesichert. Jedoch stellte sich das Gestein als ziemlich brüchig heraus, so dass mich der Mut zum Vorsteigen beizeiten verließ. Wir quälten uns eine 6 (UIAA) bzw. 4 A1 hinauf, wobei Hendrik die stärksten Nerven hatte. Ich hatte diese nicht mal im Nachstieg. Dann wollte ich es doch noch mal wissen. Eine 4 wird ja wohl zu packen sein. Nach dreiviertel der Strecke war ich so mit mir und dem Berg beschäftigt, dass ich nicht bemerkte, wie sich über mir etwas zusammenbraute. Plötzlich fing es an zu hageln. Im Nu war der Fels mit einer feinen Eisschicht überzogen. Überflüssig zu erwähnen, dass ich mir gerade an einer Reibung zu schaffen machte. Regel Nr. 3: Klettern im Hochgebirge ist ernst, auch wenn Klettergarten draufsteht! Ich seilte ab.

Das Wetter wurde noch schlechter. Die zurückgelassene Expresse wollten wir dann morgen holen. Unter einem riesigen Überhang übten wir noch zum Spaß ein Biwak mit Hängen an Keilen und Friends. Wie ernst sollten doch bald unsere Übungen werden. Am nächsten Tag wollten wir den Fußstein (3.381 m) auf dem Hüttenweg (3 UIAA) über den Westgrat erklimmen. Ich wollte natürlich etwas Schwierigeres angehen, doch für Christian und Hendrik kam das nicht in Betracht. So machten wir uns nach ausgiebigem Frühstück um 9 Uhr (!) auf den Weg. Der Einstieg führte uns am Klettergarten vorbei. Erst um halb 11 (!) hatten wir die Expressschlinge wieder. Dennoch machten wir uns weiter auf den Weg zum Einstieg. Regel Nr. 4: Niemals zu spät starten! Über Schrofen und grasige Bänder ging es weiter aufwärts. (Ab hier grammatikalisch in der Gegenwart, dass hört sich dramatischer an). Heikle Querungen müssen Christian und ich am Seil gehen. Hendrik geht alles frei, er hat schon mehr Erfahrung und Routine. Plötzlich fahre ich an einer ungesicherten, harmlos erscheinenden Stelle mit einem Kleinwagen großen Felsblock eine Etage tiefer. Das Herz rutscht mir in die Hose. Christian passiert kurz darauf dasselbe. Wir zwei sind geschockt. So habe ich mir meinen ersten Ausflug ins alpine Klettern nicht vorgestellt. Die Wolken werden immer dichter und hüllen uns teilweise völlig ein. Die Orientierung ist dementsprechend schlecht. Doch wir machen weiter. 5. Regel: Rechtzeitig umkehren! Wir können uns nicht eingestehen, dass wir es nicht schaffen können. Wie Lämmer zur Schlachtbank führt uns der Weg immer weiter hinauf. Doch der Weg ist nicht unser Weg. Ich habe mich meinem Schicksal längst ergeben und trotte wie ein Zombie hinterher.

Es ist bereits nach 17 Uhr. Egal! Irgendwie wird es schon klappen. Laut Führer müssen wir einmal kurz die Nordwestwand queren. Seillänge um Seillänge queren wir diese. 70° steil, voll losem Gestein, mit viel Schnee behangen, versperrt sie uns den Weiterweg nach oben. Der Schnee, durch die Nachmittagssonne aufgeweicht, lässt sich prima durchqueren. Doch wann zeigt uns die Wand endlich den Weg nach oben? Mein Gemütszustand äußert sich in Niedergeschlagenheit und absolutem Schweigen. Das Massiv gegenüber verschluckt die letzten Sonnenstrahlen. Da, endlich, geschlagene Felshaken weisen den Weg nach oben! Doch die Wand erweist sich als zu steil für uns. Keiner würde den Vorstieg wagen. Zum Gletscher 500 m Luft unter den Füßen. Selbst wenn es nur 5 m wären. Es ist nicht zu schaffen. Ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeintliche. Hinter der nächsten Felsschulter muss es nach oben gehen! Wieder Hoffnung und Zweifel. Diese 800 Hm quälende Ungewissheit waren also doch nicht umsonst. Wir können das Gipfelkreuz sehen. Durch seine Größe erscheint es uns so nah. Doch es sind noch mindestens 200 Hm. Das sagt mir auch der Höhenmesser. Hendrik wagt die heikle Querung um die Schulter. Ich beiße die Zähne zusammen und schließe die Augen. Wer auch immer irgendwo ein Auge auf mein Dasein hat, bitte hilf Hendrik jetzt da hoch! Wie spirituell man doch in Zeiten der Not wird. Er kommt zurück. Kein Raufkommen! Das war`s! Es ist 20 Uhr. Der Schnee ist bereits wieder steinhart. Die Temperatur ist rapide gesunken. Der Fels ist in Minuten mit einer feinen Eisschicht überzogen. Der Rückweg versperrt. Hendrik versucht es. Es ist zu gefährlich. Ein Sturz könnte den Sichernden samt Sicherung mit in die Tiefe reißen. Notbiwak! Mein 1.Biwak. Ich bin wie gelähmt. Am Fuß des Olperer- Gletschers haben uns den ganzen Abend lang Leute beobachtet. Wir geben ihnen mit der Taschenlampe Zeichen, dass alles okay ist. Christian kennt diese Zeichen. Die Leute gehen Richtung Hütte.

Wir sind allein. Es ist dunkel. Wir haben eine Sicherungskette gebaut, bestehend aus zwei Felshaken, die bereits da waren, und 4 großen Friends. Der Absatz, auf dem wir hocken, ist 3m breit, 2m tief und 30° steil. Meine 2 Kameraden bauen am Rand des Absatzes für uns Fußschlaufen, damit wir nicht die ganze Nacht in den Sitzgurten hängen. Die Beiden nehmen Alles mit einem gewissen Galgenhumor. Ich nehme es kaum wahr. Zu unwirklich ist unsere Situation. Ich spüre eine absolute innere Leere. Was tun wir morgen früh? Kommen wir mit eigener Kraft wieder hier runter? Hubschrauber! Der mich alles beherrschende Gedanke wird verdrängt. Erst mal die Nacht überstehen. Es sind –10°C. Die Kühlschranktür ist zu, und wir sitzen drin. Außer dem was wir anhaben, haben wir nicht viel mit. Wir kramen alles zusammen. 3 Goretex-Jacken und 2 Überhosen. Hendrik hat seine vergessen. Dafür hat er als einziger einen Biwaksack mit. Schuhe und Socken sind naß. 6. Regel: Immer auf eine Nacht im Gebirge vorbereitet sein! Langsam fange ich schrecklich an zu frieren. Ich schiebe mich in die Mitte. Den Biwaksack breiten wir über unseren Beinen aus. Christian und Hendrik rubbeln mir gleichzeitig Brust und Rücken. Dadurch wird uns kurzzeitig allen Dreien warm. Ich nicke ein. Kein Schlaf. Ein Dösen. Von Zitterattacken geschüttelt schrecke ich hoch. Wir rubbeln. Immer wieder das gleiche Spiel. Dösen, zittern, rubbeln. Oh mein Gott, es ist gerade mal eine Stunde vergangen. Ich schaffe das nicht! Reiß dich zusammen! Der Wille, die Nerven meiner Freunde nicht noch mehr zu belasten, siegt. Minuten werden zu Stunden. Die Gedanken kreisen um nichts. Der Kopf ist leer. Dösen, zittern, rubbeln. Warten! Die beiden unterhalten sich die ganze Nacht, von gelegentlichen Schüttelattacken meinerseits unterbrochen. Ich gebe keinen Ton von mir. Die Angst vor dem Morgen. Verdrängen! Der Sekundenzeiger bewegt sich mit halbem Tempo. Wir kommen hier nicht mehr weg, ohne fremde Hilfe! Dösen, zittern, rubbeln.

Die Sonne geht auf. Doch was nützt das. Wir sitzen in einer Nordwestwand. Schweigend essen wir unsere letzten Vorräte. Alle Getränkeflaschen sind gefroren. Jeder packt seinen Krempel zusammen. Aufbruch! Hendrik versucht wieder um die Schulter zu kommen. Es geht keinen Meter weit. Zurück und in die andere Richtung! Wieder versucht es Hendrik. Er geht 5m. Dann ist Schluss! Alles ist tiefgefroren. Ohne Steigeisen haben wir keine Chance. Ich bin ein Wrack. Mental, wie auch physisch. Ich kann in keiner Weise behilflich sein. Notsignal! Hubschrauber! Es ist vollbracht! Endlich sprechen wir es aus. Es gibt keinen anderen Weg. Eine Last fällt von mir ab. Das Leben geht weiter! Die Leute von gestern Abend sind wieder da. Christian spreizt die Arme über dem Kopf zum Ypsilon. Einer der Leute rennt Richtung Hütte. Wenn man sich dazu durchgerungen hat, eine Entscheidung zu treffen, ist man wie befreit. Es gibt keine Andere. Es ist, wie wenn man sich das Bein bricht. In dem Moment wo es passiert, ist es schrecklich. Doch hat man sich erst mal an die unabänderliche Tatsache gewöhnt, ist es nur noch halb so schlimm. 6 Wochen Gips können auch so ihre Annehmlichkeiten haben.

Schon nach 30 min kommt der Hubschrauber. Als hätte er die ganze Zeit nur darauf gewartet, diese Idioten aus der Wand zu holen. Meine Kameraden geben Zeichen. Ich habe den Kopf zwischen den Knien und die Arme davor verschränkt. Unsere Hilflosigkeit ist mir schrecklich peinlich. Der Helikopter entfernt sich, und kehrt kurz darauf zurück, mit einem Retter am Stahlseil. Er klinkt sich aus und bei uns ein. Der Hubschrauber entfernt sich wieder. Er fragt nach unserem Befinden. Alles okay, geben wir ihm zu verstehen. Der Heli kommt zurück und nimmt Christian und Hendrik auf. Wo unsere Steigeisen wären, fragt er. Wir hätten keine, antworte ich. Was wir dann hier zu suchen hätten. Wir wollten den Hüttenweg machen, und hätten uns verstiegen, sage ich. Wir säßen in einer 6+, und den Weg würden nur Bergsteiger machen, die als nächste Tour die Eiger-Nordwand planen, sagt er. Das Brummen der Rotoren kommt wieder näher. Oh mein Gott, denke ich, jetzt wird es ernst. Der Retter klinkt uns ein. Wir heben vom Absatz ab. Ich hänge mit dem Kopf zwischen den Oberschenkeln des Retters. Wahrscheinlich ist das als kleine Demütigung für den Aufwand gedacht. Fast 1.000 m zwischen mir und der Erde. Coole Sache eigentlich (seitdem will ich unbedingt ein Tandem-Fallschirmsprung machen).

Vor der Hütte setzt der Heli zur Landung an. Ungefähr 20 Fotoapparate klicken. Alle Bewohner und Gäste haben sich feierlich vor der Hütte versammelt. Als Erster stürzt ein älterer Herr auf uns zu, und beglückwünscht uns, heil vom Berg gekommen zu sein. Die Retter nehmen unsere Personalien auf. Ein Polizist, ein Rettungsassistent und ein Maurer! Die Retter können es nicht fassen. Wie kann ein solches Team derart in Not geraten, fragen sie uns scherzend. Tja, das allein macht noch keinen guten Bergsteiger aus, geben wir zu bedenken. In Österreich ist die Hubschrauber-Rettung kostenlos, sagt man uns. Wir sind erleichtert. Der ältere Herr tritt wieder an uns heran und stellt sich als Bergretter und -führer im Ruhestand vor. Er gratuliert uns nochmals, das wir es  ohne Blessuren überstanden haben. Viele seiner Freunde hätten hier oben ihr Leben verloren. Oftmals, sagte er, weil sie zu große Risken eingegangen wären. Wir hätten es genau richtig gemacht, und zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen. Ich muss schlucken. Von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet. Wir rüsten uns zum Abstieg. Morgen früh müssen wir spätestens auf der Watzmann-Hütte sein, um unsere Freunde zu treffen. Wir sind einen Tag zu spät. So, jetzt habe ich euch lange genug mit meinem Gejammere genervt. Weitere Ergüsse in der nächsten Ausgabe.